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Der verlorene Löwensohn (2)

3. Mai 2016
Kategorie: Die Löwen | Europa | Freiheit | Hintergrund und Schreibarbeit | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Venedig

Fortsetzung zu Teil I.

Parkett knarzte. Ein Silbermantel streifte durch den Korridor, an Vitrinen und Preziosen aus dem Orient vorbei. Bilderrahmen reihten sich aneinander: Galeerenkapitäne kämpften im Hintergrund gegen slawische Piraten. Staatsmänner, bekleidet mit Roben, Brokatgewändern und der Dogenmütze posierten vor Säulen. Ein Heiliger schrieb Zeilen auf einem Klostertisch nieder; im Fenster dahinter reckten sich die Spitzen der Pyrenäen dem Himmel entgegen.
Die Geschichte des Hauses Orseolo spielte sich hinter Lucas Rücken ab. Die strengen Blicke einstiger Familienoberhäupter streiften ihn; und wäre die Situation nicht die gewesen, in der er sich gerade befand, er hätte mit Sicherheit einen Nachmittag hier verbracht, um die Gemälde, ihre Botschaften und ihre Geschichte zu studieren.
Stattdessen hatte er den Kopf gesenkt, betrachtete die Umgebung nicht weiter.
Luca hatte sich mehr von diesem Treffen erwartet. Wenigstens etwas Ehrgefühl in den Knochen eines Nachfahren des Dogen Pietro Orseolo und des Heiligen Orseolo von Cuxa. Mehr Verantwortungsgefühl von einem Angehörigen der acht Bekennerfamilien Venedigs, die zu den zweiunddreißig großen Sippen der Republik zählten, und diese auch als Löwen verteidigt hatten. Noch der Onkel Domenicos hatte sich ganz der Philosophie, der Theologie und Ethik verschrieben; unter den Löwen galt er als einer der weisesten Männer, die den Codex Leonorum bewahrt und erweitert hatten. Domenico dagegen schien nichts zu interessieren, was er nicht fassen konnte.
Kein Wunder, dass sich sein Sohn mit ihm zerstritten hatte.
»Das wird kniffliger, als ich dachte…«
Selbstgespräche waren eine Eigenart, die viele Zeitgenossen beim Falier beobachtet hatten. Die Dorfbewohner in seiner Pfarrei hatten sich daran gewöhnt, hielten es für eine schrullige, beinahe liebenswerte Marotte. Luca war ein gebildeter Mann, galt als klug und nachdenklich. Sein Lieblingsspiel war Schach. Männer wie er durften etwas seltsam sein.
Unglücklicherweise handelte es sich aber eigentlich nie um Selbstgespräche.
»Darf ich offen sprechen?«
Luca hatte die Stimme bereits vermisst. Nun – vermisst war vielleicht zu viel gesagt, denn es gehörte zu den eher weniger formidablen Vorzügen, einen vor 1.400 Jahren zu Tode strangulierten, alexandrinischen Bischof als Begleiter zu haben. Eher hatte ihn die Ruhe in Kopf und Herz gewundert. Der Schutzpatron ließ es sich üblicherweise nicht nehmen, sich in den ungünstigsten Momenten zu melden.
Der Priester lächelte, hob die Augenbrauen.
»Hat dich jemals etwas davon abgehalten?«
Der Evangelist wurde betont ruppig.
»Der Typ ist ein Kotzbrocken.«
Quod erat demonstrandum. Die Stimme machte ungerne einen Hehl aus der eigenen Meinung. Das Gespräch mit Domenico hatte einige Steilvorlagen geboten, die der Patron allesamt hatte verstreichen lassen. Luca glaubte daher zu wissen, dass der Evangelist um den Ernst der Lage wusste.
»Er hat seine Motive«, glättete der Priester die Wogen. »Wie jeder Mensch.«
»Nicht jedes Motiv ist edel, fromm und frei, Don Luca.«
»Ich kann nicht von einem Senator verlangen wie ein Löwe zu denken.«
Der Falier atmete schwer aus.
»Er wird uns Probleme bereiten.«
»Ach«, bemerkte der Evangelist sarkastisch. »Und ich dachte bis eben, das hätte er schon.«
Der Priester überging die Spitze. Er hob das Haupt, fasste die Fakten zusammen.
»Politiker und Kaufleute haben eins gemeinsam: sie wollen Konkurrenz ausschalten. In der Politik Venedigs sind die Familien die Konkurrenten. Der Junge ist der letzte Erbe der Candiano. Kein Candiano: kein Nachwuchs, keine Mitbewerber.«
Luca verharrte. Sein Blick streifte ein Fresko an der Wand: zwei Familien standen sich dort gegenüber, deren Familienoberhäupter an der Spitze. Der Linke in orangegelb, der Rechte in grün gekleidet; darunter ein Bär und ein Hund, die ihre Tatzen und Pfoten kreuzten, als versuchten sie sich im Armdrücken.
»In der Jugend Venedigs waren die Familien Orseolo und Candiano verfeindet. Die einen verbündeten sich mit dem Kaiser in Konstantinopel, die anderen mit dem Kaiser in Aachen. Das mag Jahrhunderte her sein, und vermutlich ist es Domenico auch völlig gleich; am Prinzip, dass man den anderen loswerden wollte und will, ändert das nichts.«
Es waren alte Dynastien. Wer Tiernamen und sprechende Wappen trug, entstammte einer Zeit, die animalischer gewesen war. Heutzutage zerfleischte man sich nur noch in Ratssälen über Steuererhöhungen; dazumal hatten Bär und Hund einander gerissen. Der Heilige Orseolo von Cuxa hatte Venedig aus Angst um sein Leben verlassen und sich nach Spanien abgesetzt. Der Doge Candiano, den man „den Grausamen“ genannt hatte, war in der Öffentlichkeit ermordet worden.
Längst vergangene, ferne Zeiten. Aber ehrlichere. Man wusste, woran man war. Und man führte eine traditionelle, blutige Fehde. Es ging um Ehre, Prestige, Macht. Man lieferte sich einen offenen Kampf.
Domenicos Vorgehen dagegen passte zum beginnenden Zeitalter der Bürokratie. Der Junge war eine störende Angelegenheit, ein Tintenklecks auf einem bis dato sauberen Blatt Pergament. Der Orseolo ließ es einfach verschwinden und widmete sich fortan wieder anderen Angelegenheiten.
»Don Luca?«
»San‘?«
»In Anbetracht der Tatsache, dass du dich eben sichtbar auf die Seite des Candiano-Jungen gestellt hast, und mittlerweile weißt, dass der Orseolo dich ab jetzt als Feind betrachten dürfte – wäre es da nicht ratsam, womöglich deinen Schritt etwas zu beschleunigen?«
Luca liebte die Logik. Schlussfolgerungen. Den vierzigsten Schachzug in Gedanken, wenn der Gegner noch auf den dritten reagierte.
Die Argumentation des Evangelisten erschien bestechend – und verlieh ihr Nachdruck.
»Geh endlich weiter, du Idiot.«
Er ging weiter; aber die Grobheit ließ den Falier die Augenbraue hochziehen.
»Und du wunderst dich, dass du dauernd mit Paulus in Streit gerätst?«
»Er hat angefangen!«, protestierte die Stimme. »Damals! In Perge! Auf dem Weg nach Antiochia!«*
Es war diese Art der Konversation, die Luca immer wieder als Hinweis erachtete, dass er sich die Stimme nicht nur einbildete. Welchen Sinn hätte es für eine Halluzination gehabt, sich immer wieder über einen Apostel zu echauffieren? Psychologen eines ferneren Zeitalters hätten mit Sicherheit diagnostiziert, dass der Falier damit einen Teil seiner Persönlichkeit verdrängte; eben weil er sich besonnen, ruhig und nachdenklich verhielt, sich nie aufbrausend zeigte und Probleme eher zu lösen, als zu beschreien versuchte. Mit der paulinischen Theologie hatte er jedoch keine Probleme.
Womöglich hätte ein Seelenklempner – so es diese im 16. Jahrhundert gegeben hätte – etwas anderes erzählt. Blieb nur das Problem, dass Luca es für äußerst unklug hielt, mit irgendjemanden über dieses Phänomen zu sprechen. Einerseits, weil Italien ein Land der Spötter geworden war, in dem selbst einige Kardinäle die Geschichten über einen Mann aus Galiläa für eine Märchengeschichte hielten.
Andererseits, weil die Leute es nicht sonderlich mochten, wenn sich derartige Stimmen als Fakten herausstellten. Die letzte Person, die mit Heiligen gesprochen hatte, war an die Engländer ausgeliefert und anschließend auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.
Unangenehme Vorstellung.
»Ich bin nicht die Heilige Katharina«, räusperte sich die Stimme, die zu allem Übel seine Gedanken lesen konnte.
»Dessen bin ich mir sicher. Gerüchteweise zeigte die gegenüber Johanna ein besseres Benehmen.«
»Ich bin die Höflichkeit in Person!«
»Certo«, pflichtete der Falier bei. »Nur mit einem leicht cholerischen Temperament ausgestattet.«
»ICH BIN NICHT CHOLERISCH!«
Luca faltete die Hände, ging wie ungestört eine Marmortreppe hinunter. Er ließ etwas Zeit verstreichen, in welcher der Hall zwischen seinen Ohren langsam abhnahm. Der Priester blieb freundlich.
»Natürlich weiß ich, dass du nur um mein Wohl besorgt bist.«
Stille. Für einen Moment glaubte der Löwe, dass der Evangelist genau überlegte, was er sagte.
»Womöglich«, äußerte er langsam, »bin ich ab und zu etwas ungeduldig.«
Ein kleiner Levantiner in Dienerkleidung bemerkte den Falier, der das Piano Nobile im ersten Stock verließ, und über die Treppe das Erdgeschoss betrat. Zügig eilte er voraus, stemmte sich gegen eine Eichenholztüre, die mit ihrer gesamten behäbigen Monumentalität aufdröhnte.
»Schon längst verziehen.«
Auch, wenn es den Levantiner merklich irritierte, als der Venezianer mit sich selbst sprechend an ihm vorbeizog. Der Diener warf dem merkwürdigen Priester einen irritierten Blick nach, nahm die Sache, wie sie war – und bemerkte den Soldo in seiner Hand, den Luca ihm als Trinkgeld gegeben hatte.
Ein Grund mehr, das seltsame Gehabe zu ignorieren.
»Dennoch«, wurde der Falier ernster, »wäre es mir lieber, wenn wir uns jetzt der Suche nach dem verlorenen Löwensohn widmen – bevor der Orseolo ihn findet.«

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*Der Schutzpatron der Venezianer wurde offensichtlich nie müde, immer wieder diesen Vorfall als Erklärung zu bringen, wenn es gegen Paulus ging; freilich ohne jemals zu erzählen, was bei Perge wirklich passiert war.

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