Frankfurt

Mainhattan – und dann?

24. Oktober 2015
Kategorie: Frankfurter Rundgang | Historisches | Italianità und Deutschtum | Medien | Philosophisches | Venedig

Dieser Identitätsverlust wirkt umso verheerender, weil Frankfurt als deutsche Symbolstadt zugleich auch für Deutschland selbst steht. Zufall, dass die Amerikaner hier ihr Hauptquartier hatten? Zufall, dass keine andere Stadt der Republik so sehr New York ähnelt, wenn man Richtung Mainhattan sieht? Zufall, dass hier die Frankfurter Buchmesse stattfindet, aber in Frankfurt kaum noch renommierte, deutsche Autoren leben?

Frankfurt ist im wahrsten Sinne eine Allerweltstadt, die überall stehen könnte. Vermutlich sehen das einige Menschen sehr positiv. Aber die Leute spüren instinktiv, dass an dieser Ideologie etwas schief ist; wie sonst lässt sich erklären, dass plötzlich, 70 Jahre nach dem Krieg, wieder historische Gebäude in der Altstadt rekonstruiert werden sollen? Dass Renaissance und Gotik dahin zurückkehren, wo jahrzehntelang der Stahlbeton wütete?

Auch da tut sich etwas in der deutschen Seele. Nämlich ein langsames Erwachen, dass man nicht nur vor, sondern auch nach dem Krieg Fehler begangen hat. Man kennt sie noch nicht alle; aber da ist ein dunkles Gefühl, das einen beschleicht. Es nagt im innersten Winkel. Gerade in einer Finanzmetropole braucht es länger, bis man bemerkt, dass man sich selbst verkauft hat.

Wie die große transatlantische Schwester hat auch diese Stadt dieselben Probleme. Nirgendwo habe ich so viele Obdachlose und Bettler in so scharfem Kontrast mit wohlhabenden Anzugträgern gesehen; und zugleich nirgendwo so wenige Deutsche im eigenen Land. Ja, das sage ich ganz offen: als Italiener weiß ich selbst in Rom und Mailand immer noch, wo ich bin, mag auch der Touristen- und Asylstrom über diese hinwegrollen; einzig in Venedig, der Gebeutelten, ist dies nicht der Fall – doch in Venedig kann man keinen Moment lang leugnen wo man ist, sieht man immer den Backstein, riecht man immer die Lagune, hört man immer das Wellenschwappen in den Kanälen.

Aber selbst wenn die Frankfurter ihre ganze Altstadt rekonstruierten: es bleiben nur Attrappen, wie das Berliner Stadtschloss. Städte sind Symbiosen aus Mensch und Material. Die Frankfurter können nicht ohne ihre architektonische Identität, die ihnen genommen wurde; aber die Architektur kann auch nicht ohne ihre Menschen. Die Häuser sind zerstört; neuen Häusern muss neues Leben eingehaucht werden. Ein Stadtschloss ohne preußischen König erscheint widersinnig; genau so erscheint es mir schwierig, den Wiederaufbau des Mittelalters und der Frühen Neuzeit zu würdigen, wenn letztlich doch nur wieder dieselben Marken, dieselben Geschäfte und dieselbe „Lifestyle“-Elite einziehen sollten, die austauschbar mit allem ist, was man auch im Bankenviertel findet.

Mein Rundgang gegen Frankfurt soll keine Tirade, keine Ächtung sein. Ich habe tiefstes Mitleid mit diesem Ort. Eine leise Trauer schwingt bei allem mit. Aber oft kommt der Gedanke auf, dass es viele so haben wollten; da ist immer noch dieses Hochtrabende, besser Könnende, was auch im Deutschen Wesen verankert ist. Das technische Rathaus war davon genauso eine Ausgeburt wie die autofreundliche Stadt (Vierspurige Straße! Mitten! Durchs! Zentrum!). Die Anmaßung der Intelligenzija wird auch an Kleinigkeiten deutlich. Die Antiquitätenpreise sind ebenso abgehoben wie ihre Anbieter – für einen handtellergroßen Stich, den ich woanders für 25 Euro erwerben könnte, verlangen die Frankfurter das Zehnfache. Frankfurt hängt oft der Unterton intellektueller Überheblichkeit heraus, wenn man sieht, was dort alles als „Kunst“ gilt. Strichzeichnungen für hunderte und tausende Euro.

Die Frankfurter Schule, das Übel, das aus der Wiege dieser Stadt gekrochen kam, und sich von hier aufmachte, um die deutsche Identität auszulöschen, hat in seiner Geburtsstadt die schlimmsten Spuren hinterlassen. Deutschland verrecke an allen Straßenlaternen. Refugees Welcome-Aufrufe an allen Hausecken. Die Weltfremdheit, die ich vom Bonner Rhein aus sehe, wird hier immanent. Frankfurt, das ist das „Deutschland“, das man im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen sieht.

Und nach drei Stunden Spaziergang glaube ich, das große Trauma diagnostizieren zu können: Frankfurt hat unter dem Krieg womöglich stärker gelitten, als manch andere Stadt, weil die Juden, welche diesen Ort mit Vermögen und Bildung bereicherten, zuerst verschwanden, bevor der Feuersturm alles vernichtete, was Frankfurt so verehrungswürdig machte. Das Trauma dieses doppelten Verlustes resultierte in der Verneinung des Deutschen per se: hier wird die Geburt des Selbsthasses spürbarer als andernorts. Der Beginn eines traurigen, deutschen Sonderweges, der sich geistig, architektonisch und politisch niederschlägt. Und die Früchte dieser Gedankenschule sind nirgendwo greifbarer als hier.

Frankfurt hatte, als ich es besuchte, keinen eigenen Geruch. Selbst der Fäkalgestank Berlins hat dagegen Charakter.
Ein merkwürdiges Erlebnis.

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